Marcus Steinweg

NOTIZEN ZUR LIEBE

Mögliche Definition der Liebe: Sie ist Einbindung. Roland Barthes gibt sie nicht in seinen „Fragments d’un discours amoureux“ (Fragmente einer Sprache der Liebe; 1977), sondern im „Journal du deuil“ (Tagebuch der Trauer; 1977–1979). Er trauert um den Verlust der Mutter: „Wie ich Mama liebte: Ich widerstand nie dem Bedürfnis, zu ihr zurückzukehren, freute mich darauf, sie wiederzusehen (Urlaub), band sie in meine ,Freiheit‘ ein, kurz, ich assoziierte sie gründlich und sorgfältig.“1 Den Anderen in seine Freiheit (Barthes hat gute Gründe, das Wort in Anführungszeichen zu setzen) einzubinden, könnte eine Definition von Liebe sein. Ihm weder die Freiheit zu nehmen, noch ihn aus dem, was man seine Freiheit nennt, auszuschließen, wäre Praxis eines inklusiven Freiheits- wie Liebesbegriffs. Die Inklusion verlöre ihren appropriativen Zug. Sie wäre Angebot, Öffnung, Empfang. Zwanglos, aber entschieden. Bedingungs-, doch nicht interesselos. Interesselose Liebe bleibt romantisches Phantasma. Den Geliebten zu assoziieren, wie Barthes es mit seiner Mutter tut, heißt nicht, ihn an sich zu ketten. Es bedeutet, mit der Großzügigkeit, die dem Wissen um die Kontingenz der Liebe, ihre Fragilität und Auflösbarkeit, entspringt, zu lieben. Ihr größtes Hindernis ist die „Melancholie des trockenen Herzens“, wie Barthes es nennt, die „Acedia“. Er verbindet sie mit der „Unfähigkeit zu lieben“, in der sich der Unwille ausdrückt, dem Anderen Freiheit in seiner Freiheit zu gewähren.

Jean-Luc Nancy sagt einmal in Bezug auf die Freiheit: „Die Bedeutungen dieses Wortes interessieren mich wenig. (Umso mehr seine strategische Stellung.)“2 Das gilt für sämtliche Wörter und Begriffe. Oft wird im Namen der Freiheit zersetzt und missbraucht, was wir in allen möglichen semantischen Variationen Freiheit nennen. Kein Krieg, der sich nicht auf Freiheit beriefe, und sei es die Freiheit, sich bestimmten Freiheitsvorstellungen zu entziehen und gegen sie zu opponieren. Die Bedeutung eines Wortes erschließt sich durch seine Funktion. Es gibt keine unschuldigen Wörter oder Begriffe. Die Frage ist nicht primär die nach ihrer Bedeutung. Es ist vielmehr die nach ihrem strategischen Gebrauch. Ein Beispiel: Jemand behauptet, nichts sei wichtiger als die Liebe. Man könnte fragen, was Liebe hier heißt. Wichtiger wäre herauszufinden, welche Funktion das Wort „Liebe“ durch seine Verwendung erhält. Oft hat es erpresserische Funktion. „Ich liebe Dich“ heißt dann: „Ich erwarte es umgekehrt von Dir!“

Etel Adnan: „Liebe stirbt nicht.“ 3 Sie zerfällt zur Unkenntlichkeit. Unterm Geröll der Gegenwart ist sie unsterblich. Unfähig zu sterben, rast sie aus der Zukunft auf uns zu. Von Asche bedeckte Glut. In jeder neuen persistiert die alte. Wer einmal liebte, wird damit leben müssen, nicht mehr damit aufzuhören.

Dass im Herzen der Liebe die Prostitution persistiert, gilt auch umgekehrt. Karl Kraus: „Verachtung der Prostitution? / Die Huren schlimmer als Liebe? / Lernt: Liebe nimmt nicht nur Lohn, / Lohn gibt auch Liebe!“4

Statt im wiederholten Aufguss romantischer Selbsttäuschung – dem narzisstisch-infantilen Drama des sich begehrenden Begehrens samt der ihm konstitutiven Behauptung unmöglicher Befriedigung, der Tragik zwingenden Scheiterns als Paradigma erfüllter Liebe – findet die Insistenz auf der Unmöglichkeit der Liebe ihr Korrektiv in der Unhintergehbarkeit eines Imaginären, dessen Konsistenz sich erwachsener Bejahung amouröser Inkonsistenz verdankt: On n’échappe ni au spectacle de l’amour, ni à celui de la satisfaction.

Lacans berühmtes Diktum „Il n’y a pas de rapport sexuel“ / „Es gibt kein Geschlechterverhältnis/keinen Geschlechtsverkehr findet sein Äquivalent in Valérys Behauptung: „Man weiß nie, mit wem man schläft.“5 Nie handelt es sich um einen transparenten Komplementaritätsbezug, wie ihn Plato im Symposion imaginiert: „… denn man liebt immer nur ein Phantom.“6 Es gibt Liebe nur als Gespensterliebe. Das gilt auch für den Sex. Immer handelt es sich um Verkehr mit einem Phantasma. Das macht weder die Liebe noch die Sexualität weniger real. Dass es sich um Kontakt zwischen Gespenstern handelt, heißt, dass ihre Berührung sich der Inkonsistenz ihrer Protagonisten verdankt. Wäre der Andere derjenige, den ich in ihm erkenne, fände keine Begegnung statt. Phantome ertasten einander, indem sie ins Leere greifen. Das ist nicht nichts, obwohl es dem Nichts zur Apparenz verhilft. Indem Gespenster ihre Liebe füreinander beteuern, bejahen sie ihre wechselseitige Verfehlung als reales Glück: „Kein Mensch ist fähig, einen andern zu lieben, so wie er ist.“7

 

Präzision und Taumel kooperieren im Exzess amouröser wie künstlerischer Geometrie. Das Subjekt sucht einen Boden, indem es den alten verlässt. Man könnte von einem Kartesianismus der Existenz sprechen oder von euklidischer Passion. „Die Kunst ist so schlecht wie die Liebe“, bemerkt Valéry. Beide trügen „den Keim zum Verbrechen in sich, – oder sie sind nicht echt.“8 Eine gewisse Harmlosigkeitskultur kann mit beidem nichts anfangen. Angeblich verirren sich Liebe und Kunst in Authentizitätsreligion, Intensitätsversprechen und utopischen Fantasien. Dagegen setzt man das Ideologem des Richtigen in Form allgemeinen Strebertums. Heimlich – aus Karrieremotiven und opportunistischer Demutsinszenierung – wird sich selbst uneingestanden weitergeträumt. Statt romantische Selbstverklärung zu sein, meint, was Valéry den Keim zum Verbrechen nennt, die Tendenz zur Resistenz gegenüber dem Etablierten, den gegen alle Widerstände aufrecht erhaltenen Mut, frei in objektiver Unfreiheit zu sein, statt, wie Nietzsche es nannte, ein ressentimentgesteuertes Herdentier.

Forciert an der Liebe ist die Insistenz auf ihrer Unmöglichkeit.

Dass, wer liebt, lügt, heißt nicht, dass es Liebe nur als Lüge geben kann. Es geht darum, die Liebeslüge zu lieben, ihr Konsistenz zu verleihen. Man belügt sich wie den Anderen. Doch ist dieses Lügen nicht nichts. Wir belügen nicht jeden gleichermaßen. So sehr Lacan recht damit hat, dass die Liebe als „spiegelbildlicher Wahn“ wesentlich „Täuschung“9 sei, so sehr entspricht dieser Täuschung Zielgenauigkeit. Nicht jeder verdient es, mit solcher Präzision belogen zu werden. „Ich liebe dich!“ heißt: „Nur dich belüge ich mit Wahrhaftigkeit“.

Zur Erfahrung der Liebe gehört der Bruch mit ihr. Als wolle der Liebende die Ununterscheidbarkeitszone von Hass und Liebe betreten. Sollte die Liebe nichts als Lüge sein? Liebende lieben es zu lügen. Robert Walser: „Wer vermag übrigens mit Gewißheit zu sagen, was Lüge, was Haß, was Liebe ist? Ich grüble darüber lieber nicht lang.“10

Problematisch, wie alle Mythen, ist der Mythos der Gerechtigkeit. Es gibt sie nicht. Deshalb kämpft man um sie. Das Gleiche gilt für Freiheit, Gleichheit, Liebe, Glück …! Sollte die Mythomanie unser Realismus sein?

In den „Denkbildern“ spricht Walter Benjamin von der „Fähigkeit, für Augenblicke das Ziel aus den Augen zu verlieren.“11 Der Zusammenhang ist unerheblich. Die These lässt sich verallgemeinern. Wer angesichts des Gewollten keinerlei Blindheit riskiert, verfehlt es. Erst im Ablassen vom Objekt der Begierde gewinnt es an Greifbarkeit. In der Kunst, in der Politik, im Denken, in der Liebe verspricht erfolgreich zu sein, wer auf Erfolg verzichten kann. Das Wort, das solch erfolgreichen Erfolgsverzicht am treffendsten ausdrückt, heißt Souveränität.

Die in sich verkrallte Sentimentalität verirrt sich im Narzissmus des kalten Herzens, der sich als liebend verkennt („gefühlvoll“, „empathisch“), während er die Empfindungslosigkeit selbst ist.

Mit dem Lieben teilt sich das Denken, auf eine Unbezüglichkeit bezogen zu sein. Der Vektor reicht ins Absolute. Erst in der Blindheit kommen Denken und Liebe zu sich. Doch handelt es sich um eine Blindheit, die sehen kann.